Wenn Kunst den gesellschaftlichen Wandel des digitalisierten Alltags zeigt

Wer sind wir, wenn wir im Netz unterwegs sind? Sind wir real oder doch nur fiktive Persönlichkeiten? Wenn Menschen im Schutz der Anonymität im Netz surfen, verändern sie ihre Persönlichkeit, derzeit meist hin zum Schlechteren. Aber wie lange ertragen Nutzer des Internets diese Form noch? Vor kurzem schrieb Mathias Müller von Blumencron in seinem Beitrag „Lügen im Internet spannen ein Netz der Verwirrung“, dass Menschlichkeit, Achtung, Toleranz in dem globalen Medium vielerorts auf dem Rückzug sind. Er schreibt: „Und jetzt kommt dem Internet auch noch die Wahrheit abhanden. Es wandelt sich zu einem Instrument der Irritation, der Desinformation und der Propaganda.“

Beim Besuch der Messe #Unpainted, einer viertägigen Digitalkunstmesse in München,  habe ich mich mit verschiedenen Künstlern über dieses Thema unterhalten. Was ist im Internet wahr und wie verändert das Internet als Medium unsere Botschaften und unser Tun? Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir uns überwiegend mit Fotos und Worten verständigen? Werden wir wahrgenommen, wie wir sind oder verändert das Medium Internet unsere Persönlichkeit weit aus mehr als wir uns dies vorstellen können?

Mithilfe von Hashtags, Selfies oder Profi-Fotos stellen wir uns in den sozialen Netzwerken vor und kommunizieren über Messenger Tools. Die Künstlerin Birthe Blauth hat in ihrer Installation „Portrait of a man“ eindrucksvoll gezeigt, wie sich ein Gesicht durch kleinere Veränderungen in unterschiedliche Charaktere verwandeln kann. Hierzu nutzt sie acht unterschiedliche Charaktere, vier davon sind positiv, vier davon weniger. Diese kleine Veränderung wurden in vier Video Loops dargestellt, die simultan in der Installation liefen. Ich war beeindruckt, wie sehr mich die unterschiedlichen Ausdrucksweisen angesprochen haben und wie ich mich durch die Darstellung in meiner Entscheidung beeinflussen lies, ob ich jemanden sympathisch finde, oder ob mir jemand ganz unsympathisch erscheint. Die Frage, die sich Birte Blauth stellt, zielt darauf ab, ob und wie ein Foto, das mit Fotoshop bearbeitet wurde, Menschen beeinflussen kann. In ihrer Arbeit fand ich die Antwort – und sie hat mich selbst überrascht.

Über das Internet als Medium oder Inhalt konnte ich mit Gretta Louw sprechen. Ihre Arbeit hat mich besonders berührt, da sie mit den Werbebildern der Internetkonzerne aus dem Cloud Computing spielt.  Die Cloud, die wie ein mystisch-utopischer Ort von den Anbietern dargestellt wird, verbirgt doch im eigentlichen Sinne die Macht der Datenkonzerne, die sie durch Cloud-Computing erreichen können. Gretta Louw zieht in ihrer Arbeit die Darstellung ins Lächerliche und lässt so den Betrachter über das Angebot der Anbieter neu nachdenken.

Natürlich war auch Augmented Reality ein Thema der Künstler und in Anbetracht der aktuellen Aktivität von Facebook, Augmented Reality Technologie in Facebook zu unterstützen, ein guter Ansatz, um sich mit AR und dessen Auswirkungen in sozialen Netzwerken zu beschäftigen. Die immersive Wahrnehmung der Umgebung, die durch die Mischung von realen und virtuellen Welten erzeugt wird, zum Beispiel durch eine Kamera wie der aktuell vorgestellten GEAR 360 von Samsung, sowie dem Hinzufügen von virtuellen Informationen, führt den Betrachter in virtuelle Welten, in der so Marc Zuckerberg: „Jedermann alles Mögliche kreieren und erfahren kann. Schon bald werden wir in einer Welt leben, in der Jeder die Macht hat, Erfahrungen in der virtuellen Welt zu sammeln, die sich so anfühlen, als wäre man wirklich an einem anderen Ort.“ Die Entwickler tüfteln daher auch an Darstellungen, die alle Sinne ansprechen und für viele Künstler ist genau diese Auseinandersetzung eine Spielwiese, für die sie gerne Papier, Farben und Stifte eintauschen. Daher darf man gespannt sein, wie die künstlerische Sicht auf die zunehmende virtuelle Realität, abseits von Computerspielen, Technologie-Labs und Kunsträumen, in Anbetracht der entstehenden Parallelwelten sein wird.

Bereits im Jahr 1993 sagte VR-Enthusiast der ersten Stunde Jaron Lanier (Forscher und Künstler) zu Virtual Reality Animationen: „Die Realität ist perfekt, sie hat nur ein Problem: Man kann Vorstellungen und Träume nicht real machen.“ Aber vielleicht sind Vorstellungen und Träume gerade die Dinge, die uns Menschen zusammenbringt und uns wahrhaftig sein lassen. Wahrhaftigkeit braucht es für die Wahrheit, und diese sollten wir im Internet leben.

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Artist: ffmpe (Berlin) Artwork: Flotsam & Jetsam I: Monobloc, 4k UHD 2015 6’ 45

Zu #unpainted – Die Kunstmesse

UNPAINTED möchte ein möglichst großes Publikum über die neuesten Kunstformen, und somit über die visuellen Reaktionen auf unsere digitale Zeit, aufklären. Angefangen bei Computerspielen, über 3D-Skulpturen, interaktive Netzkunst, Performances, Bewegtbilder und Virtual Realities bis hin zur sogenannten Post-Internet-Art, werden Interessierte eingeladen, am Entstehen von neuer Kunst mitzuwirken.

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