Langeweile war gestern – Trilogie, Teil 2

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Haben Sie sich in letzter Zeit mal so richtig gelangweilt? Nicht? Warum wundert mich das nicht?? Langeweile. War das nicht gestern?

Natürlich kann niemand wirklich sagen: Ich habe mich zu Tode gelangweilt. Dann wär’ man ja nicht mehr. Aber Langeweile ist schon lange nicht mehr. „Einfach mal nur sitzen und dumm gucken? Das hab’ ich schon Jahre nicht mehr gemacht“, sagte erst kürzlich ein Freund zu mir. Es gibt eine Notwendigkeit für einfach mal nur „da sitzen“.

Nicht agieren. Nicht kokettieren. Nicht wissen wollen. Mal nichts tun. Einfach mal keinen Finger rühren. Nur aus dem Fenster gucken und sich zwingen, die Gedanken schweifen zu lassen. Aber selbst das Denken ist anstrengend und fordernd. Nicht denken kann man nicht. Oder können Sie das etwa?

Langeweile ist eine Herausforderung. Langeweile ist Abwendung. Langeweile ist eine Brücke. Langeweile ist Inspiration. Langeweile ist ein Anfang.

Ich lasse. Ich träume. Ich gähne. Langeweile? Braucht man das? Braucht man diesen Urzustand des Seins? Und wenn ja, wieso? Ist uns nicht der Tag schon zu kurz mit Mobile, Facebook, Amazon & Co.? Sind wir nicht gehetzt von unbegrenzten Angeboten und Möglichkeiten? Leben in Licht-Geschwindigkeit, und noch schneller. Die Chance der Langeweile erliegt dem Zwang etwas kaufen zu müssen, tun zu müssen, (mobil) aktiv zu sein.

Langeweile. Kann man sich die überhaupt noch leisten? Im Beaudelairschen Sinne der „schädlichen Menagerie unserer Laster“ entspricht die heutige Urbanisierung einer Potenzierung der Unmöglichkeit dieser Gemütslage. Der Großstadtmensch wird aufgrund der Fülle des Angebots an Freizeitoptionen gezwungen, sich von der Langeweile zu entfernen.

Ein Zustand der heute von Kindheit an durch die Spielekonsolen, Smartphones und Tablets aus technischer Sicht gelähmt wird. Auch meint man als Eltern Kinder heute permanent bespielen zu müssen, weil die Schule ihnen vorhält: „Nichts ist so wertvoll wie die Zeit, die sie aktiv mit ihrem Kind verbringen!“. Darf Langeweile der Kinder Spielgefährte sein?

Auf der Toilette gibt es schon seit Gutenberg’s Buchdruckkunst keine Langeweile mehr. Heute weicht die Lean-Back Haltung der Lean-Forward Bewegung, dem sogenannten sozialen Web-Engagement. Und wer auf der Toilette Ablenkung braucht von der Langeweile, kann inzwischen ja auch „Potty Fisher“ spielen.

Vielleicht braucht es ja eine „Langweilen Sie sich!“-App. Eine Un-Engagement-App sozusagen. Sie schaltet sich einmal am Tag für 10 Minuten ein, wenn man gerade auf der Toilette sitzt. Über GPS eingecheckt und „schupps“ schon ist die App aktiviert. Schwarzer Bildschirm. Hauptbutton für 10 Minuten blockiert. Oder müssten es mehr als 10 Minuten sein? Oder weniger? Flexibel. Je nachdem, wie sie sich Langeweile leisten können? Schließlich soll selbst auf dem „Stillen Örtchen“ mehr als jeder Dritte mit dem Smartphone oder Tablet sitzen.

Offensichtlich ertragen wir die Stille des Alleinseins nicht mehr. Oder können wir deren Wert nicht mehr entziffern? Können wir der blühenden Kreativität der Langeweile Tribut zollen, die ohne Gemeinschaft auskommt? Seine Inspiration aufzusaugen, wo keine Substanz ist und Orientierungslosigkeit herrscht? Ohne Geo-Tagging. Ohne Status Updates. Ohne Networking. Ohne Konversation.

Ach ja. Erinnern Sie sich noch an Loriot’s Feierabend?

Du kannst doch nicht. Aber irgendwas machst Du doch. Denkst Du irgendwas? Lies doch was. Nein, nein. Warum? Langeweile ist Nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts.

Was Loriot so schön bebildert, fasste Pascal Blaise in treffende Worte: „Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung.“ Man bedenke, dass der französische Philosoph dies vor rund fünfhundert Jahren schrieb. Welche Zerstreuungsfaktoren gab es zu der Zeit? Essen, Trinken, Überleben und Sex?

Die Generationen XYZ überspielt die Langeweile von Werbung, von Filmen und von Serien. Fast Forward. Weg damit. Von einem Widget zum anderen geguckt und schon findet man frischen Content in neu inszenierten Kontext. Vom Zuhörer oder Zuseher zum Programm-Direktor, zum Szenenschreiber oder Filmkritiker. Gar nicht erst Langeweile aufkommen lassen. Gedanken fließen, aber sie müssen raus. Die Geduld der inaktiven Langeweile ist verloren gegangen. Wer ist, kommuniziert.

Bietet gerade das Entspannung? Oder wird die Entspannung zum Nährboden für das Erleben der Langeweile? Eine Entspannung, der eine Konversation im sozialen Netzwerk, oder der Second Screen (welcher auch immer dies ist) entgegen steht? Ob Langeweile im Meeting, auf der Couch, in der Beziehung oder während neu gewonnener Mobilität – sie findet keinen Platz. Hauptsache, ein Bildschirm ist an und strahlt. Strahlt wie wir, wenn wir können. Ob wir dürfen oder nicht. Es muss immer etwas gehen. Warum langweilen, wenn man nicht muss?

Langeweile ist die Kunst des Zurücknehmens. Doch was früher als vornehm und tugendhaft galt, wird heute als nachlässig, ignorant und unkommunikativ gesehen. Die Devise lautet „Stream me up, Scotty!“. Und der Mann hat sich nie gelangweilt. Der stieß nicht einmal an die Grenzen seiner Geduld. Ob, Film, Foto oder Lied, alles verfügbar, erreichbar und „absaugbar“. Eine Welt ohne Langweile on-demand. Wunschkonzert, nur ohne Wunsch, da ja ad-hoc schon erfüllt.

Geduld kennen wir nicht mehr. Langeweile aber ist Geduld. Langeweile ist kreativ und dennoch unerwünscht, weil nicht „community-affin“, nicht gesellschaftlich brauchbar, nicht ertragreich dieses Durchatmen, für die Stille – zumindest auf den ersten Blick.

Die Generation N(ow) muss den Moment nutzen. Der Moment, der einem bleibt zwischen updaten und „whatsappen“. Wer will schon hören, dass man gerade mal nichts zu teilen hat auf Twitter oder LinkedIn, sich langweilen will und nur irgendwo sitzen will?! Langeweile schenkt man keine Aufmerksamkeit, gibt man nichts, weil sie nichts ist, nichts kann, nichts generiert.

„Langeweile ist doof“ proklamiert eine Webseite und bietet Angebote zur Zerstreuung – vom Event bis zum Spiel. Der Sofort-Gesellschaft kann es gar nicht langweilig werden. Sie will sich informieren, aktiv sein und erleben. Weil es so endlos viel gibt. Die Angst vor dem Morgen, dem Altwerden, dem „Nicht-alles-erleben-können“ greift um sich. Hauptsache, es pixelt, piept und posaunt. Egal, welches Gerät. Egal wer sendet. Egal wer empfängt. Nicht einsam sein und der Langeweile Kredit gewähren. Das ist die Zukunft.

Langeweile entstellt unsere gewünschte (und im Web oft dargestellte) Persönlichkeit. Ständige Langeweile quält und führt zu psychischen Krankheiten und Bluthochdruck. Aber selbst die kleinen leicht verdaulichen Happen der Kreativität werden (http://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-11/langeweile-stress-kreativitaet) verbannt in eine längst vergangene Welt. Wer kommentiert, findet Gleichgesinnte. Wer bloggt, bekommt Kommentare und Shares. Wer auf Facebook postet, erhält seine Likes. Lauter kleine Freundschaftsbekundungen. Lauter schöne Belohnungshappen. Sie machen süchtig. Sie füttern uns. Sättigen. Belohnen. Immer und überall.

„Langeweile zur rechten Zeit empfunden, ist ein Zeichen von Intelligenz.“ Clifton Fadiman

Man fragt sich, ob es überhaupt noch Jobs gibt, die Langeweile ermöglichen. Noch streiten sich die Gelehrten, ob und wie Langeweile der Wirtschaft förderlich ist. Eine Studie unter 10.000 Angestellten in Amerika besagt, dass jeder Dritte Zeit „verdaddle“, weil ihm langweilig ist. Kein Wunder also, wenn Mitarbeiter ihre Zeit sinnvoll der Langeweile entgegenstellen, Zeit ins Social Web investieren. Eine Folge der Langeweile, die die Produktivität der Unternehmen hindert?

Andere sehen gerade in der Webrecherche und damit einhergehender Zerstreuung einen Wissensgewinn – ordentliches Wissensmanagement vorausgesetzt. Die Langeweile wird dank mobiler technischer Geräte und der Weitläufigkeit des Internets zusätzlich in den Schatten gestellt – ein wahres Überlebenstraining für viele von uns.

Erliegt Langeweile der Sucht nach Ablenkung, Zerstreuung, Anerkennung und Reputation? Ist Langeweile von uns gegangen? War Langeweile gestern?

PS: Dieser Post ist Teil einer Trilogie zum Nachdenken von Martin Meyer-Gossner. Teil 1 dieser Trilogie startete mit „Geduld war gestern“ und Teil 3 endet mit „Linearität war gestern“.

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