Geduld war gestern – Trilogie, Teil 1

Für Euch!

Ein Post zum Jahresabschluss 2013, der Euch alle ein wenig zum Nachdenken anregen soll. Mehr nicht. Lest ihn. Schlaf drüber ins Neue Jahr, und wenn Ihr meint, Euch dazu zu äußern, tut es einfach mal. Ich habe lange überlegt, ob und wann ich den Post bringen soll. Aber zum Jahreswechsel ist es immer gut. Und auch wenn ich Euch „Sieze“, ist das sehr persönlich an Dich adressiert. Manchmal geht eben meine journalistische Ader und mein Literaturstudium mit mir durch.

Happy New Year 2014!
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Können Sie sich noch in Geduld üben? Können Sie nicht? Verwundert nicht! Geduld. War das nicht gestern? Oder können Sie auch heute noch guten Gewissens sagen: Ich habe heute Geduld gehabt. Ein Produkt nicht gekauft. Einen Menschen ausreden lassen. Einen Moment ohne digitale Ablenkung ausgekommen. An der Kasse gewartet, ohne gleich auf Facebook am nächsten Like zu werkeln, über den Service auf Twitter zu trollen oder nach der nächsten Kassiererin zu klingeln – und das an einem Samstagmorgen, wenn gerade mal zwei Leute vor ihnen stehen.

Geduld ist ein Wille. Geduld ist eine Chance. Geduld ist Understatement. Geduld ist Toleranz. Geduld ist (eine) Größe.

Ich will. Ich mache. Ich bewege. Geduld? Nein, will ich nicht. Will mich nicht mäßigen. Warum auch? Geduld im Kaufprozess? Wieso auch? Das Produkt. Das Angebot. Die Finanzierung. Der Weg dorthin? Shopping in Echtzeit, und noch schneller. Alles im Bereich des Möglichen.

Und warum sollte Geld dabei ein Hindernis sein? Es ist doch alles verfügbar, auszuleihen, käuflich – in Raten, on-demand, zu leasen oder in bar. Grundsätzlich gibt es (fast) keine Barriere für die Geduld – außer Liefer- und Öffnungszeiten. Oder sind die nicht auch schon verschwunden? Fehlt nur noch der App-Butler, der einem den Wunsch dank Gesichtserkennung vom Tablet oder Smartphone abliest – und dann in spätestens 15 Minuten liefert. Und was wäre das dann ein Geduldspiel in der Zukunft?

Kennt die Generation der Millenials noch das Momentum? Ist für sie das Momentum der Erfüllung die einzige Wahrheit? Die Wahrheit der Kurzweile der Facebooks, Twitters, Googles und Amazons, die das Momentum der Rastlosigkeit und Kurzzeitbefriedigung als Chance verkaufen. Schnell wird die Geduld der Realität Knecht und der Wahrheit Sklave.

Wollen wir nicht eben? Wir können doch einfach! Wir müssen doch nur! Geduld? Warum? Wieso? Weshalb? Was ist das? Machen wir doch einfach – schnell, mal eben. Reflexion? Wo ist die Notwendigkeit? Das Warten verschwindet in der Echtzeitkommunikation des Webs und seiner Möglichkeiten. Warum denken, wenn man fragen kann?

Geduld ist die Kunst zu warten. Eine Fähigkeit, die mal eine Tugend war. Eine Tugend, die sehnsüchtig im Ehrgeiz badet, den Wunsch heute nicht zurückzustellen. Doch manchmal stößt die Geduld an Grenzen. Ein Lied oder Film, der on-demand noch nicht gestreamt werden kann. Ein Videospiel, das um die Ecke nur geliehen, der Laden aber zu und im Web nicht erwerbbar ist. Ein Getränk, das noch immer im Ladengeschäft gekauft oder ein Essen, das im Restaurant getrunken werden muss, weil es keine „Wunscherfüller-App“ gibt, die das Menü der Speisekarte liefert.

Wir sind Generation N(ow). Wir sind die Sofort-Gesellschaft. Wir leben heute. Was weiß ich, was am nächsten Tag geschieht. Oder leben wir schon im Morgen? Einem Morgen, der einst niemals starb. Morgen kennen wir schon – ist verplant, entfremdet vom jetzt. Doch ist Entfremdung der Geduldsfaden, der schon gerissen? Das Smartphone klingelt nicht mehr. Wir gehen ran. Wir gehen trotzdem ran. Wir wollen rangehen. Nicht einsam sein und der Ruhe Geduld gewähren. Das ist das Ziel.

Ruhe ist Langeweile. Langeweile kennen wir nicht. Langeweile ist unproduktiv. Verpönt. Geht gar nicht dieses Luftholen ohne Effizienz. Schließlich ist alles machbar. Zumindest hat es den Anschein. Jede Sekunde zählt. Verzichten wollen wir nicht. Auch wenn es fast unmerklich, unscheinbar und ohne Folgen ist, der Geduld die Minute, Stunde oder auch mal Tage zu widmen. Geduld, aber schnell, ist die Devise.

Oder sind wir eine Casting-Gesellschaft? Es ist keine Konversation mehr, oder? Wir sind süchtig nach Anerkennung. Wir müssen „rangehen“, weil Daten unsere Aufmerksamkeit suchen, unsere Finger locken, unsere Begeisterung fesseln, Bestätigung schenken, für Genugtuung in langweiligen Meetings sorgen, im Auto an der Ampel oder im Stau. Daten begeistern uns. Daten treiben uns. Daten verführen uns. Daten. Uns. Wir, die digitalen Immigranten, die das Tablet regelmäßiger berühren als unsere Partner. Wir Eltern, die einer Welt der Konstanz und Gelassenheit auch mal entfliehen wollen. Geduld erscheint ein Graus’. Sie lebt in einem anderen Haus. Vielleicht.

Unsere Kinder. Die Generationen XYZ gelöst. Die Generationen der digitalen Worte. Die, die Gespräche suchen, bevor sie entstehen, bevor jemand Langeweile aufkommen lässt, bevor der Fernseher sie zur Ruhe zwingt, in den Schlaf verabschiedet. Eine Jugend, die das Warten wegdiskutiert und wegargumentiert – parallel zu einer angesagten TV Sendung aus einem anderen Kontinent. Gekonnt, gewieft, gewillt die Antwort zu keiner Frage sofort zu finden, ohne lange nachzudenken. Denken fordert Geduld. Geduld schafft keine unmittelbare Befriedigung.

Geduld ist gedrosselte Erwartung. Unsere Erwartungen sind schon unrealistisch, gebremste Erfüllung ist nicht erwünscht. Ein Alptraum ohne Daseinsberechtigung. Denn wir können. Das Medium wechseln, den Ort bewegen, die Zeit beschleunigen. Im Kontext der medialen Optionen ertragen wir unmittelbar, wenn wir mit Menschlichkeit spielen, oberflächliche Intelligenz auf unseren „Wänden“ versprühen und Belanglosigkeiten fotografieren. Jederzeit, jetzt und sofort.

Eine Rose der Geduld blüht zu langsam, dass jeder Mensch sie züchten vermag. Würde sie um Geduld bitten, käme es uns einer Folter gleich. Weil wir keine Zeit haben. Für sie. Für andere. Für uns.

Geduld erliegt dem Glück des Augenblicks. Geduld gibt es nicht mehr. Geduld war gestern.

PS: Dieser Post ist Teil einer Trilogie zum Nachdenken von Martin Meyer-Gossner. Teil 2 dieser Trilogie heißt „Geduld war gestern“ und Teil 3 endet mit „Linearität war gestern“.

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