Eine Chance für Start-Ups? Von Bäumchen-Wechsel-Dich-Spielen in Schrebergärten einer gestylte Stadt…

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Wenn man im altehrwürdigen Prinz-Carl Palais zur Diskussion und Mitarbeit beim Standortmarketing unter dem Motto „Digitale Wirtschaft Bayern“ eingeladen wird, so darf man das als Ehre werten. Es freut einen mehrfachen Firmen-Gründer, hier Input und Inspiration liefern zu dürfen. Das ist eine -vermutlich einmalige- Chance. Auch wenn so mancher Teilnehmer im Nachhinein meinte, ob die Veranstaltung nicht wohl mehr ein Hilfeschrei der Politik und Wissenschaft war. Im Wettstreit mit Berlin, London, San Francisco oder anderen Städten wird Bayern, respektive und im besonderen München, im Ringen um Start-Ups der Rang abgelaufen – national wie international.

Ob die hochfeine Lokation für die Thematik passend war, ist Ansichtssache. Vielleicht wäre eine Halle, Lager oder ein Co-Working Space wie eben das geplante Werk1 München passender gewesen. Aber vielleicht hätten Anzüge die Diskrepanz der Welten hier noch mehr hervorgehoben. Es stimmte einen dennoch nachdenklich, wenn Avner Warner, Business Development Manager der Stadt Tel Aviv, mit treffend formulierter Rhetorik stichelt: „Wenn ich meine Zigarette in dieser super gestylten Stadt an der falschen Stelle ablegen würde, hätte ich schon das Problem hier überhaupt noch toleriert zu werden.“

Der Vortrag von Warner zeigte den Unterschied zwischen Bayern und Tel Aviv auf: mittelständisch-bürokratische Ordnung versus innovativ-inspirativem Laissez-Faire. „Kein Respekt vor Hierarchie“ klingt fordernd, aber eben nicht nach 3 Monaten für einen Termin mit einem gestandenen Unternehmen oder 5 Jahren für eine finale Vertragsunterzeichnung. Was von Experten wie Andy Goldstein, Executive Director LMU Entrepreneurship Center, wunderbar dargstellt wurde. Dies erklärte sich auch aus den Aussagen der referierenden Politiker, die sich und den Zuhörenden vor ihren Reden gegenseitig erstmal die Verantwortung klar machten. Zeitweise glich dies einem Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel. Meine Nebensitzerin schmunzelte mich mehrfach an: „Ja, wem gehört denn nun die Verantwortung…? Dutzi, dutzi…“

Das wichtigste Motto im Mittelpunkt von Warner’s Vortrag war „Daring“. Und es schien fast so, als sei das seine Botschaft an München. Für ihn ist „Daring“ einer der entscheidenden Schlüssel zum Erfolg. Doch gibt es „Daring“ in einer Stadt, in der der Porsche als Sinnbild des Erfolgs vorfährt? In Tel Aviv ist das ein Unding. Dort gilt Daring gleich „Caring“ und „Sharing“. Dort stehen 800 Start-Ups ganzen 40 Grossunternehmen gegenüber, womit Tel Aviv auf Platz 5 der Start-Up Städte weltweit rangiert.

Dem gegenüber verblassen Parolen wie die von Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). „Wir setzen die Hoffnung auf die Jungen, Kreativen, Interkulturellen, die Start-Ups.“ Sie wirken wie Worthülsen und wenig authentisch. Zwischenzeitlich fragte man sich, was aus dem Slogan „Weltstadt mit Herz“ geworden ist, den die Stadt zur Standort-Positionierung Jahrzehnte lang genutzt hat. Hat der Slogan ausgedient? Mit Herzblut hat das wenig zu tun, wie man sich dem Thema „Start-Ups und Investoren“ widmete. Wäre man stolz, würde man dann nicht mehr Internet- oder Start-Up Helden in München hofieren und zu Wort kommen lassen? Doch in München regieren Bildende Künste, aber kein hyperdigitaler Schweiß (wie in Berlin), und auch nicht Rahmenbedingungen für die 3Cs des modernen Arbeitsplatzes.

Wo ist das wahre Interesse an den digitalen Gründern?

Auf dem Panel sagt man, dass man gerade erst ein Plattform Start-Up gegründet hat. Weder Moderator (spannenderweise von der FAZ, nicht der Süddeutschen!), noch Investoren, noch Wirtschaft, noch Politiker gehen darauf ein – davor oder danach. Das war vor rund zehn Jahren nicht anders, als wir in Zeiten der Internet-Blase einen Management Buy-Out gemacht und 4 Jahren später nach harter Arbeit an ein angesehenes internationales Medienhaus verkauft haben. Kaum Presse. Kein Lobbyismus. Start-Up Helden werden nur geboren, wenn Mentoren da sind, die eine Notwendigkeit für Veränderung erkennen. Solche, die Lobbyismus verstehen und das Potential erkennen.

Mein Tweet am Veranstaltungstag war ernst gemeint…

Das Wort „successful“ hätte ich gerne noch mit eingefügt – successful business. Aber ein Tweet ist ein Tweet. 140 Zeichen lang. Nicht mehr, nicht weniger. Weniger war leider nicht mehr bei der Veranstaltung. Viele Reden. Viele Besserungsbekundungen. Viele Vision. Wenig Moderne Digitale. Wenige Tweets und Updates. Wenig Gründer. Wenig Innovation.

Wenn man vom Moderator motiviert wird, Veränderungsvorschläge mal so richtig als Wunschkonzert in die Runde zu werfen, dann ist das einerseits eine Chance, andererseits auch der Anfang vom Ende. Denn schnell entweicht man deutschen Grenzen („Auf den Medientagen hat mir selbst die Begeisterung für den Medienstandort Deutschland gefehlt.“), und es reihen sich zahlreiche Punkte aneinander…

– Offenheit: Die Generation Y sollte endlich von den Unternehmensführern eingeladen werden. Initiativen sieht man hier in Berlin oder London. Wie lautet eine deutsche Initiative?
– Lobbyismus: Berlin leistet starke PR-Arbeit für Gründer, die über die nationalen Grenzen hinausgeht. Warum ist München so leise…? Wie lautet das Standortmarketing bis 2030?
– Argumente: „Mir fehlen die Argumente, mit denen ich internationale Unternehmen nach München holen könnte.“ Warum positionieren wir nicht Berge, Bier oder Bayerisches Lebensgefühl?

Aber ich will der von Jennifer Regehr konstatierten Schrebergarten-Metalität in München mal mit einem Open-Innovation-Ansatz begegnen. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich hiermit viel Geld hätte verdienen können. Hier mal ein paar Vorschläge, die Bayern als Digitalen Wirtschaftsstandort positionieren können…

1. Co-Corporate Space (als Erweiterung des Co-Working Space)
Viele gestandene Unternehmen, Real Estate Firmen und öffentliche Gebäude in München haben ungenutzte Flächen. Wie wäre es, wenn man hier eine initaitive startet, die Arbeitsfläche zur Verfügung stellen? Denn Co-Working Spaces müssen bezahlbar sein und ein wenig Bandbreite lassen sich da sicher „abzwacken“. Für steuerliche Feinheiten oder vergünstigte und flexible Mietzeiten liesse sich sicher eine Lösung finden.

2. Start-Up Paten Programme (als Erfahrungsaustausch)
Wird man geboren, bekommt man einen Paten, der einem an die Seite gestellt wird falls Papa und Mama mal nicht mehr sein sollten. Und was ist mit Start-Ups, wenn die Investoren zurücktreten oder ganz wegfallen? Paten-Programme könnten schneller Schwächeperioden abfangen, sei es finanziell mit einem Überbrückungskredit, strategisch mit dem eigenen Netzwerk oder plastisch mit kostenfreiem Arbeitsumfeld.

3. Veranstaltungen – Nacht der Start-Ups
In München gibt es soviele faszinierend organisierte Nächte zu bestimmten Themen – Nacht der Bildenden Künste. Nacht der Museen. Nacht der Musik. Nacht der Goldenen Ananas. Wann kommt die Nacht der Start-Ups oder die Nacht der Digitalität? Dort könnten sich Studenten, Arbeitsuchende und Unternehmen finden. Und die Politik nutzt es zum Lobbyismus und für ihre PR-Zwecke.

Fazit
Gefordert ist ein Trialog: Politik, Wirtschaft und Unternehmen. Lasst uns an den Tisch setzen, wenn Bayern wirklich an einer Start-Up Szene und moderner Dynamik gelegen ist. Aber bitte wundert Euch nicht, wenn dann mehr Hoodies das traditionelle Stadtbild von feinem Zwirn, Kulturstrick und beigem Karomuster durchbrechen. Ich bin dabei, denn wir wollen in München Helden aus der Taufe heben.

PS: Wer sich die Diskussion und das Wunschkonzert der Start-Ups noch einmal ansehen möchte, kann dies hier in voller Länge machen…

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